Große Wärme aus kleinem Holz

Aktiver Klimaschutz: Eine Pellets-Heizung für 8 Häuser

Die Heizkosten steigen kontinuierlich. Zukunftsfähige Bau- und Energiekonzepte mit intelligenter Planung sind daher gefragt. Eine besonders spannende Idee zeigt ein Experten-Team in Wasserburg am Inn: Hier entstand aus einem brachliegenden Gewerbegebiet mit denkmalgeschützten Bauten eine innovative  Wohnsiedlung, die durch den Einsatz natürlicher Baumaterialien und mit einem brillanten Energiekonzept überzeugt.

Mit einer einzigen Pellets-Heizung 8 Häuser heizen – das hört sich tollkühn an. Doch das Beispiel hier zeigt, dass man mit dieser Art Planung keineswegs auf dem Holzweg ist.

Die ökologische Revitalisierung der historischen Anlage aus verschiedenen Jahrhunderten am Kapuzinerweg in Wasserburg am Inn ist sogar für Wasserburger Verhältnisse etwas Besonderes. Die bezaubernde Stadt aus dem Mittelalter kann nämlich mit einigen Architektur-Highlights aufwarten. An einem der schönsten Plätze der Stadt entstand nun dieses beeindruckende Wohn-Ensemble. 

Respektvoller Umgang mit historischer Bausubstanz

Erworben hatte das seit 1999 ungenutzte Gewerbegebiet die Peter Dörr Stadthaus Bau- und Sanierungs-GmbH. Mit der Umgestaltung beauftragte Peter Dörr den Architekten Richard Kröff und seinen Kollegen Dipl. Ing. (FH) Rainer Kutzner, beide Gründer des regionalen Architekten-Netzwerkes Q5.

 „Wir haben auf die jahrelange Erfahrung und Kooperation der beiden Experten gesetzt. Zum Glück – denn dieses Sanierungs-Vorhaben ist hervorragend gelungen“ berichtet Dörr.

Geübt in der Zusammenarbeit legten die beiden Experten einen stimmigen Plan und ein ausgeklügeltes Energiekonzept vor. Besonderen Wert legten Sie darauf, respektvoll mit den historischen Bauten umzugehen. „Wir haben traditionelles Handwerk – aber auch innovative Techniken in den Planungs- und Bauprozess einfließen lassen.“ erläutert Richard Kröff.

Das Grundstück mit 2.814 m² Fläche liegt am Ende einer Sackgasse in innerstädtischer Lage, direkt am Inn gegenüber der historischen Altstadt. Diese Fläche war beim Kauf mit einer ca. 500 m² großen Werkhalle – ehemals eine Weberei-Manufaktur – und zwei Einzeldenkmälern bebaut, die aus dem 17. und aus dem 19. Jahrhundert stammen.

Die sogenannte „Sommerwirtschaft“ – eingut erhaltenes Baujuwelim rückwärtigen Grundstück – ist ein ca. 200 m² großes brettverschaltes Fachwerkhaus aus der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts. Während der Sommermonate sorgte die Gartenwirtschaft mit Biergarten für regen Zustrom – nicht nur des Bieres wegen. „Der Blick auf die Wasserburger Altstadt ist von hier einfach fantastisch.“  freuen sich auch die heutigen Bewohner.

Historische Schale – moderner Kern: Die alte Substanz kommt im neuen Licht besonders gut zur Geltung.

Außerdem befindet sich ein historischer Bauernhof aus dem 17. Jahrhundert an der Zufahrt zum Grundstück. Von diesem Einfirst-Hof ist der gemauerte Wohntrakt erhalten, direkt angebaut findet sich eine gemauerte Scheune sowie eine zweite Tenne in Holzbauweise.

Unterirdisch bestehen unter großen Teilen des Bauernhofes hohe Gewölbekeller, die in früheren Jahrhunderten der kühlen Lagerung von Bier in den Sommermonaten dienten.

Unmittelbar an das Grundstück grenzen noch zwei sehenswerte Bauten an: Eine Villa aus dem 18. Jahrhundert – offenbar seinerzeit eine Gaststätte – jetzt zum Einfamilienhaus umgebaut Und eine turmartige ehemalige Mühle – heute Wohn- und Gewerberäume. 

Erste Vorentwürfe in Rücksprache mit dem Investor ergaben eine mögliche mittlere bis hohe Wohndichte durch  den Ausbau der beiden denkmalgeschützten Gebäude. Die Halle dagegen sollte abgerissen und der Grund mit Reihenhäusern bebaut werden. „Die ökologische und ökonomische Verantwortung verpflichtete uns zu einem schonenden Eingriff in die Substanz, so dass ein Bauvorhaben dieser Art durchaus Zeit in Anspruch nimmt.“ 
weiß Richard Kröff. Zweieinhalb Jahre wurde hier vorbereitet, geplant, recherchiert, die formellen Hürden genommen und schließlich gebaut.

Um die historische Sommerwirtschaft bewohnbar zu machen und gleichzeitig die strengen Auflagen des Denkmalschutzes einzuhalten, beschloss man das Fachwerk zu sanieren und ein Haus aus Porenbeton mit 30 cm Stärke in die frühere Bierhalle zu integrieren. Dieses Betonhaus wurde aufwendig mit den entsprechenden Fenster- und Türenöffnungen nach Maß in das bestehende Holzhaus eingepasst. „Hier war sehr viel Detailarbeit nötig“ berichtet der Architekt. „Zudem steht das Gebäude an einer Hangkante – und durch die vorgefundene schlechte Qualität der Fundamente des Altbaus mussten wir relativ aufwendige Unterfangungs-Arbeiten beauftragen.“

Mit Erfolg: Die gesamte Gebäudehülle und der Dachstuhl der Sommerwirtschaft konnten durch diese Maßnahmen ganz erhalten bleiben. Der Bau bietet jetzt auf 270 Quadratmeter Wohnfläche viel Raum für eine einzige Wohneinheit und eine Anwaltskanzlei. Durch den Ausbau in eine derart großzügige Wohnung konnte man den Charakter der Sommerwirtschaft weitestgehend bewahren. Ein Esszimmer mit sechs Metern Raumhöhe erinnert an das Ambiente früherer Zeiten.   

Auch dem historischen Bauernhof hauchte man wieder neues Leben ein: 680 m² Wohnfläche in wertvoller Bausubstanz wurden durch die Sanierung des Mauerwerks und des Dachstuhls gerettet. Der Wohntrakt blieb überwiegend bestehen. Doch um die beiden Scheunen auf Vordermann zu bringen, musste man das Fundament erneuern. Dazu ließ Richard Kröff an mehreren Stellen das Kellergewölbe durchbrechen.

„Der Untergrund war in einem sehr schlechten Zustand. In intensiver Absprache mit dem Denkmalamt haben wir so viel Bausubstanz wie möglich bewahrt.“ so Richard Kröff. „Damit hier die neuen Wohneinheiten auf tragfähigem Grund stehen können, mussten wir  sechs Betonsäulen tief in den Boden einlassen.“ berichtet er. Die bestehenden Außenwände ließ er an der Stahlbetonbodenplatte und dem Stahlbetonerdgeschoss befestigen –  sie tragen jetzt keinerlei Lasten mehr. So konnte man auch das unter dem Hof liegende Gewölbe erhalten. 

Der alte Hof – neu interpretiert


Insgesamt entstanden in dem alten Hof sieben Maisonette-Wohnungen mit je 75 bis 125 Quadratmetern. „Die  Neu- und Umbauten des Bestands haben wir mit vorteilhaften  Wohnungsgrundrissen und individuellen Frei- und Gartenflächen für jede Wohneinheit gestaltet.“ berichtet der Architekt.

Rainer Kutzner, Beratender Ingenieur und Baubiologe aus Riedering bei Rosenheim ist verantwortlich für das durchdachte Energie-Konzept des Bauvorhabens. Die Gebäude sind in Niedrigenergiebauweise mit baubiologischen Materialien errichtet. Die Wahl des Dämm-Materials erfolgte naturgemäß ebenfalls unter ökologischen Gesichtspunkten: Zum Einsatz kam eine Mineralschaum-Dämmung (λ-Wert=0,045) mit 14 cm Stärke für die gemauerten Bauteile und Zellulose für die in Holzbauweise errichtete ehemalige Scheune.

Die neu angelegte interne Zufahrtsstraße wirkt durch die spannungsvolle Abfolge von Wegen und Plätzen weitläufig und aufgelockert. Auf der ehemaligen Hallenfläche gibt es jetzt fünf moderne und geräumige Reihenhäuser mit Gartenteil und Dachterrasse mit den für Wasserburg typischen Grabendächern. Die Dächer der Garagen und Carports sind alle begrünt, die versickerungsfähigen Flächen gewährleisten die vollständige und dauerhafte Aufnahme von Regenwasser.

Heizen mit wenig Kohle

Ein Heizkonzept mit dem Ziel „regenerative Wärmeversorgung“ ist für ein Projekt in dieser Größenordnung keine kleine Herausforderung. „Der übliche Weg, jedem zukünftigen Eigentümer eine eigene Heizung zur Verfügung zu stellen, erwies sich zwar als möglich – jedoch nicht unbedingt als wirtschaftlich.“ beschreibt Rainer Kutzner die Ausgangslage. „Außerdem ist die Zufahrt für große Lieferfahrzeuge zur Brennstoff-Anlieferung stark eingeschränkt.“  Schließlich präsentierte er seine Strategie für einen Nahwärmeverbund.

Das technisch und energetisch ausgefeilte Konzept verlangte keine Abstriche bei der Gestaltung der Gebäude und sah eine unkomplizierte Beschickung mit Holzpellets vor.

„Die gewählte Pellets-Heizung installierten wir im Kellergewölbe des früheren Bauernhofes. So mussten wir für Brennstofflagerung und Wärmeerzeugung in den neuen Gebäuden keine weitere Fläche verbauen. Die Pellets können relativ einfach über die Durchfahrt mit Schlauchanschluss zum Heizkessel gepumpt werden.“ so Rainer Kutzner.

Eine einzige 100 kW-Holzpellets-Heizung versorgt jetzt alle Gebäude mit zusammen knapp 2000 Quadratmetern Wohnfläche. 

Die Käufer hatten während der Ausführung die Gelegenheit, sich für eine Lüftungsanlage, Sonnenkollektoren zur Warmwassererwärmung oder eine Photovoltaikanlage – auch in Kombination – zu entscheiden. In unterschiedlichen Konstellationen wurde diese Möglichkeit von den Eigentümern wahrgenommen. 

Umliegende Nachbarschaftsgebäude können bei Bedarf an den Nahwärmeverbund angeschlossen werden; ein Eigentümer hat von dieser Möglichkeit bereits Gebrauch gemacht.

In jedem Gebäude gibt es jetzt statt einer eigenen Heizungsanlage einen Wärmetauscher und einen kleinen Warmwasserboiler. Die Nahwärmeversorgung bringt das warme Wasser direkt zum Haus, mittels Wärmetauscher wird die benötigte Wärme an das Gebäude übergeben. Nicht mehr nötig sind Kamine, Kaminkehrer und die dadurch entstehenden   Kosten. Auch den Platz für einzelne Heizräume oder Brennstoff-Lagerräume sparte man sich. Das Ergebnis sprich für sich: Einen extrem niedrigen Energieverbrauch verzeichnen beispielsweise die Reihenhäuser mit  59,00 bis 71,00 Euro Heizkosten pro Monat bei rund 150 Quadratmetern Wohnfläche – Üblicherweise geht man bei einem Gebäude dieser Größenordnung vom Dreifachen aus.

Die Neubauten in der Siedlung

Dem Bauherrn und den Planern war es wichtig, den Energieverbrauch und die Schadstoffemissionen zu minimieren und für die Zukunft niedrige Betriebskosten zu sichern. 

Die Kosten im Vergleich:

Nutzwärmekosten in Ct/kWh Pellets: 5,0      Öl 8,5       Erdgas 7,2Pellets ÖlErdgas
Fiktive Kosten Heizung u. TW beiEnEV Standard (ca. 240 MWh/a)12.000 €(59%)20.400 €(100%)17.280 €(85%)
Kosten für Heizung u. TW Realisiert (ca. 160 MWh/a)8.000 € 13.600 € 11.520 € 
CO2-Einsparung gegenüber EnEV-Standard m. Ölheizung (=74.640 kg/a)ca. 88%(= 65.680 kg/a)ca. 47%(= 35.120 kg/a)ca. 33%(= 24.880 kg/a)

Alle neuen Gebäude entsprechen dem heutigen KfW-Effizienzhaus 85 der EnEV 2009 (vormals Kfw-60 Haus) und zum Teil sogar dem aktuellen KfW-Effizienzhaus 70 (damals KfW-40-Standard) mit einem Jahres-Primärenergiebedarf für Heizung und Warmwasser je Quadratmeter Gebäudenutzfläche von max. 60 kWh bzw. 40 kWh. „Für eine Denkmalsanierung ein ausgesprochen guter Wert.“ so Kutzner. 

Durch die Kombination der energetischen Verbesserungen an der Gebäudehülle und der effizienten Anlagentechnik erreichen die Gebäude ein energetisches Niveau, das nach heutigen KfW-Kriterien für die neuen Häuser einem Effizienzhaus 70, und für die denkmalgeschützten Gebäude, einem Effizienzhaus 85, entspricht. Wobei der begrenzende Faktor der Transmissionwärmekoeffizient (Ht-Wert) ist und die jeweilige KfW-Anforderungen knapp unterschreitet. Der Primärenergiebedarf (Qp) würde bei allen Gebäuden das Effizienzhausniveau 40 erfüllen.

Reines Gewissen           

„Die Heizkosten lassen heute keinen mehr kalt.“ weiß Energieberater Rainer Kutzner.  Im Vergleich zu einem Standardneubau nach Energieeinsparverordnung konnte man hier den Primärenergiebedarf um fast 90% reduzieren. „. Die C02 Bilanz dieser Anlage kann also als Maßstab für eine gelungene Denkmalsanierung gelten.“ sind sich die beteiligten Experten einig.

Alternative Energien sind im vergangenen Jahrzehnt immer wichtiger geworden. Inzwischen sind die Techniken aber effizient und für größere Bauvorhaben geeignet – wie man an diesem gebauten Beispiel hervorragend belegen kann. Die Heizanlage hat bereits bewiesen, dass sie auch extrem strenge Winter problemlos bewältigt. „Nicht nur, dass man mit Pellets günstiger heizt als mit Heizöl, man ist auch unabhängig von der politischen Lage im Ausland.“ so Rainer Kutzner. „für die regenerativen Brennstoffe haben wir leistungsfähige Lieferanten aus der Umgebung. Zudem bleiben die Kaufkraft und die Wertschätzung in Deutschland.“

Die etwas höheren Kosten für die Wärmedämmung ließen sich hier durch die gemeinsame Heizzentrale kompensieren, da durch den Wegfall der einzelnen Gebäudeheizungen ein erheblicher Nutz- und Wohnflächengewinn entsteht. Die warmen Wandoberflächen der  Außenwände und der gute sommerliche Wärmeschutz schaffen eine spürbare Raumbehaglichkeit. 

Ein besonders gutes Gewissen haben die Beteiligten in Bezug auf die Reduzierung der Schadstoffemissionen und die Schonung von Ressourcen. Aber auch die  Kombination aus ökologischen Baustoffen und zukunftsfähigen Techniken macht das Projekt zu einem vorbildlichen Bauvorhaben. 

Die Planer

Dipl. Ing. Univ. Architekt Richard Kröff aus Wasserburg strebt danach, energieeffizient, nachhaltig und kostenbewusst zu planen und zu bauen und die beste Energiebilanz eines Gebäudes mit wertbeständigen und gesunden Baustoffen zu erreichen. Dies realisiert er auch beim ökologischen Sanieren denkmalgeschützter Häuser. Er legt zudem großen Wert auf einen respektvollen Umgang mit der historischen Bausubstanz und saniert dementsprechend denkmalgerecht und substanzschonend.

Der Beratende Ingenieur und Baubiologe Rainer Kutzner aus Riedering erstellt Energie- und Sanierungskonzepte für Alt- und Neubauten. Er führt unter anderem Luftdichtheits-messungen und Thermografie-Aufnahmen durch und begutachtet Bauschäden, Feuchte und Schimmel. Als zugelassener Energieberater berät er über die Finanzierungsmöglichkeiten von Sanierungsvorhaben. Beide Planer sind Partner im Architekten Netzwerk Q5.

Die Q5 Architekten

Q5 ist ein leistungsstarkes Netzwerk erfahrener Architekten und Ingenieure aus dem bayerischen Raum. Die selbständigen Mitglieder von Q5 realisieren seit knapp 20 Jahren erfolgreich Projekte im Bereich ökologischer Architektur, von der Idee bis zum fertigen Gebäude, vom Altbau bis zum öffentlichen Bauvorhaben. Darüber hinaus bringt jeder einzelne Netzwerkpartner seine persönlichen Schwerpunkte ein: Passivhaus und Denkmalschutz, Bauherren-Coaching, Baubiologie und energetische Beratung, Geomantie, Holzbau und landschaftsgebundenes Bauen. 

Der Bauherr profitiert von den unterschiedlichen Fachkompetenzen und Themenschwerpunkten. Der intensive Erfahrungsaustausch untereinander zielt auf das optimale Ergebnis für die jeweilige Aufgabenstellung zum Nutzen des Auftraggebers.

Text: Eva Mittner

Fotos: Q5 Architektur

www.q5architektur.de
www.kroeffarchitekten.de
www.ibrk.de

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